Sonntag, 10. Februar 2013

Imperialismus



Eine willkommene Gelegenheit, die inneren Spannungen nach außen abzureagieren, boten schon immer die Kriege. Die Anlässe dazu finden sich bald. Nicht aus überschüssiger Kraft wird der Weg des Imperialismus beschritten, sondern aus Schwäche, aus Verlegenheit. Imperialismus ist immer eine Verfallserscheinung. „Rom ging seit 146 nur deshalb an die Verwandlung der östlichen Ländermassen in Provinzen, weil es ein anderes Mittel gegen die Anarchie nicht gab“, schreibt Spengler. Das Volk selbst – und das ist wohl als allgemeine Erscheinung anzusehen – ist an den kriegerischen Ereignissen völlig desinteressiert: „Ich sehe Symbole ersten Ranges darin, dass in Rom, wo der Triumvir Crassus der allmächtige Bauplatzspekulant war, das auf allen Inschriften prangende römische Volk, vor dem Gallier, Griechen, Parther, Syrer in der Ferne zitterten, in ungeheurem Elend in vielstöckigen Mietskasernen lichtloser Vorstädte hauste und die Erfolge der militärischen Expansion mit Gleichgültigkeit oder einer Art sportlichem Interesse aufnahm.“

Die Beweggründe zu imperialistischen Kriegen waren in der Vergangenheit kaum wesentlich andere als heute. Der unerbittliche Druck einer fast dauernden Unterbeschäftigung verbunden mit der Notwendigkeit, die Einfuhr lebenswichtiger Güter in Edelmetallen zu bezahlen, die im eigenen Land nicht gefunden werden, führte zu wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten. Erfahrungsgemäß werden diese Schwierigkeiten durch inflatorische Einflüsse sofort erheblich gemildert. Brachte früher jeder Beutezug unmittelbar einen befruchtenden Strom von heiß ersehntem Edelmetall in die Heimat, so verschaffen sich die Staaten heutzutage das Gold nur ausnahmsweise unmittelbar durch Krieg und Plünderung. In der Regel wählt man den Weg über eine aktive Zahlungsbilanz. Diese setzt aber einen ständigen und zähen Kampf um die Absatzmärkte voraus, der um so leichter zu imperialistischen Ideologien und ebensolchen Kriegen reizt, je mächtiger ein Staat international ist. Deutschland erlag diesen Ideologien zweimal binnen einem Menschenalter. Die Rolle der Goldwährung war dabei höchst verhängnisvoll. Keynes meint, der internationale Handel sei heute nichts anderes als ein verzweifeltes Mittel, die inländische Beschäftigung aufrechtzuerhalten durch erzwungene Verkäufe ins Ausland bei gleichzeitiger Beschränkung der Einfuhr. Das ganze Bemühen laufe darauf hinaus, die eigene Arbeitslosigkeit zu exportieren, sie auf das Ausland umzuwälzen. Er schreibt wörtlich, heute stehe „den Behörden kein anderes orthodoxes Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im Inland zur Verfügung als das Ringen um einen Ausfuhrüberschuss und nach Einfuhr des Geldmetalls auf Kosten ihrer Nachbarn. Nie in der Geschichte ist eine Methode erdacht worden, die den Vorteil jedes Landes wirksamer in Gegensatz zum Vorteil seines Nachbarn gebracht hätte, als der internationale Gold-(oder früher Silber-)Standard. Denn er macht den inländischen Wohlstand unmittelbar von der wetteifernden Jagd nach Märkten und dem wetteifernden Appetit auf die Edelmetalle abhängig“.

Man zwingt dem Nachbarn die eigene Ware auf und kauft ihm andererseits nach Möglichkeit nichts ab. Man stürzt ihn absichtlich in Verlegenheit, weil dies die einzige Möglichkeit bildet, dem ständigen Druck der Unterbeschäftigung im Inland auszuweichen. Die Folge sind Autarkietendenzen, die zur gegenseitigen Abschnürung der Staaten und damit zu einer Neuauflage des Merkantilsystems des 17. Jahrhunderts führen, dessen Parole bekanntlich lautete: „Es ist besser, für eine Ware zwei Taler zu bezahlen, die im Land bleiben, als einen, der aber hinausgeht“.

Diese Abschnürungsbestrebungen kontrastieren merkwürdig mit dem technischen Fortschritt, der nicht nur die Entfernungen zusammenschrumpfen ließ, sondern auch voraussetzt, dass jedes Land die Rohstoffe und Hilfsmittel der ganzen Welt erhalten kann. Dieser Gegensatz trägt gleichfalls imperialistische Tendenz in sich, denn keine Volkswirtschaft vermag auf die Güter der übrigen Welt zu verzichten.

„Bei rund 150 Staaten der Erde ist es nicht möglich, dass jeder Staat seiner Größe und veränderlichen Kopfzahl entsprechend sowohl seine eigenen Kohlenzechen, Erzbergwerke, Erdölfelder, Kupferminen und dergleichen, wie auch seine eigenen Weizenfarmen, Kaffeeplantagen, Baumwollpflanzungen usw. haben kann. In diesem einfachen Sachverhalt liegt es begründet, dass der Imperialismus niemals zu einer Weltordnung führen kann, die nicht in Kürze wieder neuen Erschütterungen ausgesetzt wäre.“

Kriegsbegünstigend wirkt es, dass jeder Krieg diktatorische Staatseingriffe erfordert, die die sozialen Gegensätze für den Augenblick zum Schweigen bringen, wodurch eine nicht vorhandene Einmütigkeit vorgetäuscht wird, die das Regieren erleichtert. Außerdem beheben Kriegsrüstungen sofort den Druck der Unterbeschäftigung. Plötzlich drehen sich alle Räder, jede Hand wird gebraucht. Vollbeschäftigung, sonst ein kaum erfüllbarer Wunschtraum, wird Tatsache und lässt die Arbeitenden die im Krieg die Regel bildende Senkung ihres Reallohnes leichter verschmerzen. Und schließlich die Hauptsache: Kriegsrüstungen stellen reinen Verbrauch dar, d. h. sie drücken nicht auf den Sachkapitalzins, wie dies die Investitionen zu tun pflegen, die infolge der Vermehrung der Sachkapitalien zu einer gesteigerten Konkurrenz und zu einer Senkung der Rendite führen, wodurch Geldstreik und absteigende Konjunktur ausgelöst werden. Kriegsrüstungen vermindern den Zins nicht.

Es besteht also ein grundlegender Unterschied, ob man friedensmäßig investiert oder kriegsmäßig verbraucht, ob man Fabriken und Wohnhäuser herstellt oder Panzer und Granaten, denn die letzteren tasten den Zins nicht an! Wenn der einfache Mann auf der Straße es bedauert, dass für Kriegsrüstungen Unsummen ausgegeben werden, für die nach seiner Meinung nützlichere Dinge beschafft werden könnten, etwa Wohnhäuser, so befindet er sich mit dieser an und für sich gesunden Ansicht in einem Irrtum – er hat das Wesen der Zinswirtschaft nicht erfasst, die eines dauernden Mangelzustandes bedarf, um überhaupt zu funktionieren. In der Zinswirtschaft ist es eben – so widersinnig es auch erscheinen mag – wohl möglich, in unbegrenztem Maße Kanonen, Panzer und Bombenflugzeuge herzustellen, nicht aber Wohnhäuser, Fabriken und andere Sachgüter.

Auf eine vereinfachte Formel gebracht: Es ist das eherne Gesetz der Zinswirtschaft, dass sie ständig ein Meer von Gütern auf den Markt wirft, für die kein Absatz da sein kann, weil der Mensch, der sie schuf, um die Hälfte seines Lohnes betrogen wird und daher nur die Hälfte dieser Güter kaufen kann. Die andere Hälfte des Sozialproduktes sucht nur neue Kapitalanlagen, die sich rentieren. Mangelt es an solchen Anlagemöglichkeiten, dann tritt das Geldstreikmonopol in seine Rechte und sperrt die Arbeitenden aus. Hier gibt es keinen anderen Ausweg als die Zerstörung, als den Krieg, wenn man von dem Notbehelf der dosierten Inflation absieht.

Jeder Krieg vernichtet riesige Mengen von Sachgütern mit dem Ergebnis, dass auf Jahre hinaus rentable Anlagemöglichkeiten in Fülle vorhanden sind. Je mehr Sachgüter vernichtet werden, umso besser rentieren sich die übrigen. Außerdem führt die mit jedem Krieg betriebene Geldvermehrung regelmäßig zu einer Inflation. Sie bedeutet Geldentwertung und zugleich auch eine gewaltige Schuldenerleichterung, bei der der Staat als größter Schuldner am meisten profitiert.

Zeigt sich hier nicht ein wahrhaft unheimliches Bild? Weil die Menschen nicht so viel arbeiten dürfen, wie sie gern möchten, müssen sie sich gegenseitig abschlachten. So wie ihr Blut rinnt, beginnt sich der zuvor stockende Geldumlauf in Bewegung zu setzen. Je mehr Menschenleben und Sachwerte vernichtet werden, umso besser rentiert sich die Wirtschaft, umso mehr Arbeitsmöglichkeiten eröffnen sich. Je mehr Tränen, umso höher der Zins. Je größer die betrügerische Geldentwertung, umso leichter die Schuldenbürde. Das ist die Welt, in der wir leben. Muss sie so sein? Muss sie so bleiben?

Otto Valentin (aus „Die Lösung der Sozialen Frage“, 1952)


Bei der Verwendung eines Geldes mit Wertaufbewahrungs(un)funktion, das sich nur unter der Bedingung des Urzinses für realwirtschaftliche Investitionen zur Verfügung stellt, und unter Beibehaltung des aus der Antike übernommenen privaten Bodeneigentumsrechtes hat der Kulturmensch nur die Chance, auf Kosten anderer zu leben (Zinsgewinner), damit andere nicht auf seine Kosten leben (Zinsverlierer). Das gilt sowohl für jeden einzelnen Wirtschaftsteilnehmer als auch für Nationalstaaten, die sich gegenseitig in die Schuldenfalle treiben müssen, bis der nächste Krieg unvermeidlich wird.

Den unwiderlegbaren Beweis, dass dies nicht so sein muss, sondern dass allgemeiner Wohlstand auf höchstem Niveau und der Weltfrieden mit einem Maximum an persönlicher Freiheit durch die Korrektur unserer seit jeher fehlerhaften Geld- und Bodenordnung in rein technischer Hinsicht relativ einfach zu verwirklichen sind, erbrachte der Sozialphilosoph Silvio Gesell vor einem Jahrhundert,…


…und der Prophet Jesus von Nazareth erkannte diese einzige Möglichkeit des zivilisierten Zusammenlebens schon vor zwei Jahrtausenden:


Solange die Menschheit sich aber noch von denen beeinflussen lässt, „welche euch von überirdischen Hoffnungen reden“, bleibt der Weltfrieden eine Utopie:   



Stefan Wehmeier, 09.02.2013


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