Freitag, 21. April 2017

Menschwerdung


"Hätte die Weltgeschichte ein Sachregister, wie sie ein Namensregister hat, könnte man sie besser benutzen."
 
Ludwig Börne (Theaterkritiker, 1786-1837)
 
Die ganze Welt ist ein Theater, denn die Arbeitsteilung erhob den Menschen über den Tierzustand und solange die makroökonomische Grundordnung, die den Grad der Zivilisiertheit bestimmt, noch unterentwickelt ist, muss der Kulturmensch, damit er sich "halbwegs glücklich" vorkommt, für die jeweilige Kulturstufe entsprechend programmiert sein. Für diese ganze Geschichte der Hinterhältigkeit, Verlogenheit und Selbstsucht der jeweils Herrschenden und deren Untertanen ein passendes und plausibles Sachregister zu erstellen, ist im Nachhinein nicht leicht, aber sowohl für die Vergangenheit als auch für die Zukunft in den Grundzügen dennoch möglich:
 

Die noch immer gegenwärtige und aus heutiger Sicht in höchstem Maße rückständige Kulturstufe der halbwegs zivilisierten Menschheit hat ihren Ursprung an dieser Stelle: 

(Genesis_2,4-9) Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 

Der Text ist etwa 3250 Jahre alt, wenn wir davon ausgehen, dass er von Mose verfasst wurde und dieser Revolutionär zur Zeit der Regentschaft von Pharao Ramses II lebte. Selbstverständlich ist der Inhalt des Mythos nicht gegenständlich, sondern funktional zu verstehen, und solange er nicht verstanden wird, bewirkt er unabhängig von "Glaube" (Cargo-Kult) oder "Unglaube" (Ignoranz) eine spezifische Programmierung des Unterbewusstseins, bzw. des kollektiv Unbewussten der ganzen halbwegs zivilisierten Menschheit bis auf den heutigen Tag. 

Heute programmieren wir mechatronische Roboter; in früheren Zeiten benutzte man biologische Roboter (sie nennen sich selbst Homo sapiens), um sie sich untertan zu machen. Im vorantiken Ägypten, einer zentralistischen Planwirtschaft noch ohne liquides Geld (Ursozialismus), war das eine hochentwickelte Geheimwissenschaft, die nur vom Pharao selbst und einem inneren Kreis der höchsten Priester, die zugleich Politiker waren, verstanden wurde. Der Zusammenhalt des ganzen Ägyptischen Reiches basierte im Wesentlichen auf dieser Geheimwissenschaft, und das Reich wäre zerfallen, wären die Geheimnisse verraten worden. Das "Programm Genesis" war allerdings aus der Perspektive des vorantiken Ägypten in höchstem Maße subversiv und bewirkte zur damaligen Zeit eine grandiose Befreiung. Es führte zum "Auszug der Israeliten aus Ägypten", der "Weiterentwicklung der menschlichen Kultur vom Ursozialismus zur Marktwirtschaft": 

Gott der HERR (Jahwe) = künstlicher Archetyp "Investor" 
Erde und Himmel = Angebot (Waren) und Nachfrage (Geld) 
Regen / Feuchtigkeit = Geldemission / Liquidität 
Lebendiger Mensch = selbständiger Unternehmer 
Garten Eden (Paradies) = freie (d. h. monopolfreie) Marktwirtschaft 
Früchte tragende Bäume = Gewinn bringende Unternehmungen 
Baum des Lebens (ez pri ose pri: "Baum, der Frucht ist und Frucht macht") = Geldkreislauf 
Baum der Erkenntnis (ez ose pri: "Baum, der Frucht macht") = Geldverleih 

Der heute "zweite" Schöpfungsmythos der Genesis ist die erste Idee zur freien Marktwirtschaft und damit alles andere als ein historisches Märchen, sondern ganz im Gegenteil die visionärste Form von Science Fiction (oder besser: Social Fiction), die zur damaligen Zeit überhaupt vorstellbar war. Diese visionäre Idee wurde im kollektiv Unbewussten des israelitischen Volkes einprogrammiert, denn es sollten noch mehr als zwölf Jahrhunderte vergehen, bis der Prophet Jesus von Nazareth als erster Denker in der bekannten Geschichte die einzige Lösung fand, wie die Marktwirtschaft (Paradies) vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Erbsünde) zu befreien ist,...
 
...und bis dahin musste diese in Genesis_3 umschriebene "Mutter aller Zivilisationsprobleme" aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes ausgeblendet werden! Anderenfalls wäre das systemisch ungerechte Übergangsstadium der kapitalistischen Marktwirtschaft (zivilisatorisches Mittelalter, Zinsgeld-Ökonomie) gar nicht erst entstanden oder schon nach kurzer Zeit wieder zerfallen, so wie das vorantike Ägypten (Ursozialismus, bzw. Staatskapitalismus) zerfallen wäre, ohne die entsprechende Programmierung des in der zentralistischen Planwirtschaft arbeitenden Volkes. Die religiöse Verblendung (geistige Beschneidung von Untertanen) funktioniert in der Weise, dass alle elementar relevanten makroökonomischen Zusammenhänge, die der Mythos in bildhafter und somit das kollektiv Unbewusste beeinflussender Art umschreibt,...
 
(Genesis_3,1-5) Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
 
...von denen, die den Mythos hören oder lesen und dabei an irgendeinen gegenständlich-naiv hineininterpretierten Schwachsinn glauben, nicht mehr verstanden werden:
 
Frucht vom Baum der Erkenntnis = Urzins (S. Gesell) / Liquiditätsprämie (J. M. Keynes) 
Mann / Adam = Sachkapital / der mit eigenem Sachkapital arbeitende Kulturmensch 
Frau / Eva = Finanzkapital / der in neues Sachkapital investierende Kulturmensch 
Tiere auf dem Feld = angestellte Arbeiter ohne eigenes Kapital (Zinsverlierer) 
Schlange = Sparsamkeit (die Schlange erspart sich Arme und Beine) 
Tod = geistiger Tod durch religiöse Verblendung 
gut oder böse = egoistisch und gebildet oder selbstsüchtig und eingebildet
 
Für religiös Verblendete sind Selbstsucht und Einbildung nicht von gesundem Egoismus und wahrer Bildung zu unterscheiden, und der eigene geistige Tod ist für sie nicht erkennbar:
 
(Genesis_3,6-13) Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
 
Erbsünde = Privatkapitalismus (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) 
"die Frau gab ihrem Mann von der Frucht" = Übertragung des Urzinses auf das Sachkapital 
"nackt" sein = mit eigener Arbeit Geld verdienen 
"bekleidet" sein = als Investor von der Arbeit anderer Zins erpressen (lat.: vestis = Kleidung) 
"als der Tag kühl geworden war" = Abkühlung der Konjunktur (beginnende Liquiditätsfalle) 
"unter den Bäumen im Garten verstecken" = so tun, als wäre der Zins Lohn für eigene Leistung 
"die Frau, die du mir zugesellt hast" = Abhängigkeit von zinsträchtiger Ersparnis
 
Die Erbsünde selbst und das verlogene Verhalten der Zinsgewinner sind bei der Verwendung von Zinsgeld (fehlerhaftes Geld mit parasitärer, der wesentlichen Tauschfunktion widersprechenden Wertaufbewahrungsfunktion) unvermeidlich. Die Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz darf darum dem arbeitenden Volk als systemische Ungerechtigkeit nicht bewusst werden, damit es "halbwegs glücklich" die tatsächlich menschenunwürdigen Verhältnisse erträgt, solange das Wissen noch nicht zur Verfügung steht, den Privatkapitalismus zu beenden. Ebenso unvermeidlich, solange die Marktwirtschaft kapitalistisch bleibt, sind allgemeine Wirtschaftskrisen. Genesis_3,15 umschreibt mit genialen Metaphern erstmals das Phänomen der Liquiditätsfalle,...
 
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
 
Nachkommen der Schlange / der Frau = Geldersparnisse / neue Sachkapitalien
Kopf der Schlange = Kapitalmarktzins (Sachkapitalrendite)
 
...das von studierten "Wirtschaftsexperten" (von "Spitzenpolitikern" ganz zu schweigen) bis heute nicht verstanden wird, ebenso wie der Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise und Krieg:
 
(Genesis_3,16) Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
 
In der Liquiditätsfalle sinkt der Kapitalmarktzins unter die Liquiditätspräferenzgrenze, sodass aus dem Finanzkapital nur noch in Ausnahmefällen neue rentable Sachkapitalien gebildet werden können. Dennoch sucht das Finanzkapital ständig nach neuen Anlagemöglichkeiten, denn sobald es keine mehr findet, gerät die Volkswirtschaft in eine Deflation und bricht zusammen. Auch wenn ohne Finanzkapital kein Sachkapital entstehen kann, werden die ganze Wertschöpfung und der Urzins aus dem Sachkapital heraus erarbeitet.
 
(Genesis_3,17-19) Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
 
Die Rentabilitätshürde des Urzinses lässt auch bei kurz- bis mittelfristig florierender Wirtschaft einen strukturellen Sachkapitalmangel bestehen, sodass nicht nur in Krisenzeiten sich der Mensch im Privatkapitalismus nur mühsam von eigener Arbeit ernähren kann. Der Arbeiter erhält nicht den vollen Arbeitsertrag, weil er zusätzlich das leistungslose Einkommen der Zinsgewinner erarbeiten muss, und Wohlstand für alle bleibt prinzipiell unerreichbar.
 
(Genesis_3,22-24) Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.
 
"unsereiner" = die nichts anderes zu tun haben, als sich an der Mehrarbeit anderer zu bereichern 
Vertreibung aus dem Paradies = Verlust der Unterscheidungsfähigkeit zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus 
Cherubim = Denkblockaden
 
Die israelitische Priesterschaft bewahrte das dem Volk vorenthaltene Geheimnis der Erbsünde bis zum 6. vorchristlichen Jahrhundert und beging dann eine Verzweiflungstat, indem sie den heute "ersten" Schöpfungsmythos (7-Tage-Schöpfung) der Genesis vor den ursprünglichen "zweiten" (Paradiesgeschichte) setzte. Das modifizierte "Programm Genesis" sollte mit einiger Sicherheit einen Rückfall in die Primitivität des Ursozialismus verhindern, solange die einzige Lösung zur Überwindung der Erbsünde (Erlösung) noch nicht in Aussicht stand. Dazu musste man sich mit der Erbsünde arrangieren, was dazu führte, dass auch die israelitischen Hohepriester in der religiösen Verblendung versanken, die ihre Vorgänger geschaffen hatten:
 
Damit hatte die halbwegs zivilisierte Menschheit komplett das Bewusstsein verloren, sodass der Erlöser, als er endlich erschien, nicht mehr verstanden wurde:
 
Seit die halbwegs zivilisierte Menschheit das Bewusstsein verloren hat, ist die Gesellschaft auf den Kopf gestellt, d. h. je höher die "gesellschaftliche Position" in "dieser Welt" (Zinsgeld-Ökonomie), desto weiter geht das Bewusstsein nicht gegen Null, sondern desto tiefer geht es unter Null:
 
Politik kurzgefasst: Der Versuch, etwas zu "regeln", was nicht geregelt werden kann, solange es sich durch das vom Privatkapitalismus befreite Spiel der Marktkräfte nicht selbst regelt:
 
Religion kurzgefasst: Sündteure Marketingaktion, um der halbwegs zivilisierten Menschheit die Marktwirtschaft (Paradies) mit Privatkapitalismus (Erbsünde) zu verkaufen:
 
"Die Größe der Achtung, die man einem Menschen zollt, wird wie der Preis der Ware durch Nachfrage und Angebot bestimmt."
 
Silvio Gesell, 1906 
("Die Verwirklichung des Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag durch die Geld- und Bodenreform")
 
Weil Sie es sich wert sind: Heute ist der "Normalbürger" durch Politik (berufsmäßige Vollidiotie) und Religion (allgemeine Geisteskrankheit) so sehr an "diese Welt" angepasst, dass er sich nichts anderes vorstellen kann, als dass die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft stets kleiner bleibt als das Angebot. Der umgekehrte Fall, dass die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft das Angebot dauernd übertrifft, sodass die menschliche Arbeitskraft die ökonomisch knappste Ressource darstellt und somit der arbeitende Mensch das Allerwertvollste ist, wäre der eigentliche zivilisatorische Normalzustand nicht erst seit 1906, sondern seit dem Beginn der Zeitrechnung:
 

Stefan Wehmeier, 21.04.2017  


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