Samstag, 18. August 2012

Persönliche Freiheit und Sozialordnung


Der folgende Vortrag, der auf dem Bundestag des Freiwirtschaftsbundes am 9. November 1951 in Heidelberg gehalten wurde, sei allen „modernen“ Politikern dringend empfohlen, die schon lange nicht mehr wissen, was die Soziale Marktwirtschaft ist, die nie verwirklicht wurde und heute verwirklicht werden muss, bevor es zur ansonsten unvermeidlichen, größten anzunehmenden Katastrophe der Weltkulturgeschichte kommt:  


Mitten durch Deutschland geht der unheilvolle und verhängnisvolle Riss, der unsere ganze Welt in zwei feindliche Hälften zerspaltet. In der gegenwärtigen Versammlung der UN wird darüber beraten, ob dieser Riss noch heilbar ist, oder ob endgültig Ostdeutschland vom großen Machtblock des Ostens verschlungen, Westdeutschland in das Verteidigungssystem des Westens eingegliedert werden soll. Nur zögernd und widerstrebend fügt sich das deutsche Volk der von den Westalliierten und von der eigenen Regierung vertretenen Logik über die Notwendigkeit einer eigenen eindeutigen Stellungnahme und Parteinahme und eines eigenen Verteidigungsbeitrages im gefährlichen Spannungsfeld dieser weltpolitischen Blockbildung. Das deutsche Volk ist aufgerufen, die unverlierbaren Werte der westlichen Demokratie, allen voran die persönliche Freiheit, gegen die tödliche Bedrohung aus dem Osten zu verteidigen. – Aber ist es wirklich Freiheit, was der Westen ihm bieten kann? Ist es auch die so viel beredete und so oft verheißene Freiheit von Sorge und Not? Wünschen sich nicht die meisten Menschen auf Grund bitterster Erfahrungen lieber Sicherheit statt Freiheit, Sicherung ihres Lebens, ihrer Arbeit, ihres Auskommens in einer annehmbaren Sozialordnung, die der Liberalismus ihnen bis heute immer schuldig geblieben ist?

Vor der politischen Entscheidung, in die das deutsche Volk gestellt ist, steht die soziale Frage. Nicht nur Deutschlands Schicksal, sondern auf weite Sicht das Schicksal unserer Welt, hängt ab von der Frage: Ist das soziale Problem lösbar im Rahmen des westlichen Liberalismus? Kann eine haltbare Sozialordnung geschaffen werden unter Wahrung der persönlichen Freiheit?

So liegt der weltpolitischen Spannung zwischen Ost und West noch eine andere Spannung zugrunde, die sich ebensosehr auf dem Feld der Innen- wie der Außenpolitik auswirkt: die Spannung zwischen Liberalismus und Sozialismus. Entspringt sie aus einem notwendigen und unvermeidlichen Gegensatz? Oder besteht die Möglichkeit einer Aussöhnung zwischen den beiden Forderungen der persönlichen Freiheit und der Sozialordnung?

Mit dieser schwerwiegenden und bedeutungsvollen Frage wenden wir uns zunächst an die Geschichte und erhalten von ihr die folgende Antwort. Ursprünglich, nämlich in der Geburtsstunde des Liberalismus, stand dieser keineswegs im Gegensatz zum Sozialismus. Im Gegenteil, mit der Parole „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ erstrebte die aufkommende liberalistische Bewegung zur Zeit der französischen Revolution die Befreiung gerade der gedrückten und unterdrückten, der ausgebeuteten Volksschichten und damit einen Ausgleich der untragbar gewordenen sozialen Unterschiede und Spannungen. Politisch erstrebte der Liberalismus die Sicherung der persönlichen Menschenrechte, der Freiheitsrechte des einzelnen gegenüber dem bis dahin absolutistischen Staat, die Einschränkung der Staatsmacht durch konstitutionelle Verfassung und die Gleichheit aller vor dem Gesetz. Wirtschaftlich erstrebte er die Freiheit des Handels und Gewerbes, des Kaufens und Verkaufens, der Vertragsschließung und der Preisbildung, der Wahl von Beruf, Wohnung und Arbeitsplatz. Aber eben diese wirtschaftliche Freiheit schuf im Verlauf der weiteren Entwicklung neue soziale Spannungen an Stelle der überwundenen alten, wirtschaftliche Vormachtstellungen an Stelle der politisch und rechtlich verankerten alten Standesvorrechte. Die Ausbeutung blieb; nur die Träger und die Methoden der Ausbeutung hatten gewechselt. Die politische Macht wurde abgelöst durch die wirtschaftliche Macht des Monopolbesitzes und des Kapitals.

Gegen diese Entartung der liberalistischen Entwicklung erstand die sozialistische Gegenströmung. Sie befürwortet eine Beschränkung der persönlichen Freiheit zu Gunsten der Gesamtheit und insbesondere zu Gunsten der wirtschaftlich schwächeren, sozial tiefer stehenden Bevölkerungsschichten. Über die persönliche Freiheit des einzelnen stellt sie die Sozialordnung des Ganzen; sie erstrebt die Sozialisierung wenn nicht allen Privateigentums, so doch zum wenigsten aller Produktionsmittel.

Der innenpolitische Kampf drängt zu revolutionären Lösungen mit dem obersten Ziel der Weltrevolution. Sobald diese Revolution sich in einzelnen Staaten durchgesetzt hatte, gesellte sich zur innenpolitischen Spannung noch die außenpolitische, die sich schließlich zur weltpolitischen Spannung zwischen dem östlichen und dem westlichen Machtblock unseres Planeten ausgeweitet hat.

Zugleich aber haben die ursprünglich klaren Kampffronten der Ideen sich heillos verwirrt. Denn was im Osten verwirklicht wurde, ist nicht der erstrebte und propagandistisch verkündete Sozialismus, sondern ein verratener Sozialismus. Die Ausbeutung ist geblieben; nur die Träger und die Methoden der Ausbeutung hatten gewechselt. Die alleinige Allmacht des Staates ist an die Stelle einer Vielzahl privater Wirtschaftsmächte getreten, das konkurrenzlose Staatsmonopol an die Stelle vielfältiger Privatmonopole, der Staatskapitalismus an die Stelle des Privatkapitalismus. Und was an sich selbstverständlich ist, hat eine bittere Erfahrung hinlänglich bestätigt, nämlich daß ein einziger unumschränkter Herrscher ein viel drückenderer, erbarmungsloserer Herr ist als die Vielzahl kleiner Herren, die sich immerhin noch durch einen letzten Rest an Konkurrenz in ihrer Macht gegenseitig beschränken.

Aber auch im liberalistischen Westen wurde das Ideal der persönlichen Freiheit nie vollkommen verwirklicht und ist gerade durch die gegenwärtige Entwicklungstendenz zunehmender Sozialisierung, staatlicher Wirtschaftsführung und staatlicher Investitionspolitik stärker gefährdet als je. Auf der anderen Seite hat aber der Westen auch soziale Maßnahmen geschaffen, die jeder Arbeiter des Ostens, soweit er überhaupt von ihnen Kenntnis bekommen kann, nur mit neidvoller und verzweifelter Resignation betrachten kann.

Wie verhält sich der Liberalismus zum Sozialismus, die persönliche Freiheit zur Sozialordnung? – Nach unserem kurzen geschichtlichen Rückblick wenden wir uns mit dieser Frage der gegenwärtigen politischen Ordnung des Westens zu, wie sie vor allem in den Verfassungen der Demokratien fixiert ist, speziell für das heutige Deutschland im Bonner Grundgesetz.

Mit Befriedigung stellen wir fest, daß hier wie in allen modernen demokratischen Verfassungen die Grundrechte des einzelnen, also die persönlichen Menschen- und Freiheitsrechte, genau festgelegt und umrissen sind. Artikel 2 besagt: „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. …Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ – Artikel 4: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ – Artikel 5: „Jeder hat das Recht seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. …Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. …Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ – Artikel 8: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ – Artikel 9: Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden. – Artikel 11: „Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.“ – Artikel 12: „Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“ – Artikel 13: „Die Wohnung ist unverletzlich.“ – Artikel 14: „Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.“

Natürlich sind diese Freiheitsrechte nicht unbeschränkt. Es ist durchaus verständlich, daß ihre Ausübung allenthalben durch den Zusatz beschränkt wird: „... soweit es nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung verstößt.“ Es ist auch noch verständlich, wenn freilich schon bedenklicher, daß in diese Grundrechte durch Gesetz eingegriffen werden darf, beispielsweise „zur Verhütung dringender Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung“, daß insbesondere in die Unverletzlichkeit der Wohnung eingegriffen werden darf „zur Behebung der Wohnraumnot“. Was uns hier aber ausschließlich interessiert, ist die Beschränkung der persönlichen Freiheitsrechte durch soziale oder sozialistische Gesichtspunkte, wie dies z. B. bezüglich der Sachlage der Raumnot geschieht; oder etwa nach Artikel 7: „Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates. …Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen“, wobei die Genehmigung unter anderem auch davon abhängig gemacht wird, daß durch private Schulen „nicht eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern gefördert wird.“

Am deutlichsten aber zeigt sich die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch sozialistische Forderungen in der Frage des Privateigentums. Artikel 14 sagt hierzu: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen. …Eine Enteignung ist nur zum Wohl der Allgemeinheit zulässig.“ Und dieser Gedanke findet seine Zuspitzung in dem darauf folgenden Artikel 15: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zweck der Vergesellschaftung durch Gesetz … in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft übergeführt werden."

So sehen wir in den Grundrechten beide Forderungen mit gleicher Klarheit ausgesprochen; die liberalistische Forderung grundsätzlich in Artikel 2: „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ – die sozialistische Forderung grundsätzlich in Artikel 3: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen und politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Und wir sehen, daß die beiden Forderungen der Freiheit und der Gleichheit keineswegs so selbstverständlich nebeneinander bestehen können, wie es das Schlagwort der französischen Revolution glauben machte; sondern daß sie in einem spürbaren Spannungsverhältnis zueinander stehen, ja dass sie sich gegenseitig teilweise aufheben oder zumindest aufs stärkste einschränken und entwerten.

Nachdem wir über unsere Frage zuerst die geschichtliche Entwicklung und sodann die gegenwärtige politische Ordnung zu Rate gezogen haben, wollen wir nun uns selbst, unsere eigenen Wünsche, Vorstellungen, Begriffe und Gedanken darüber befragen, wie Sozialismus und Liberalismus, Sozialordnung und persönliche Freiheit sich zueinander verhalten.

Wir untersuchen die grundlegenden Begriffe und stoßen zunächst auf den so schwierigen, umstrittenen und vieldeutig schillernden Begriff der Freiheit. Glücklicherweise werden wir vor allen philosophischen Fallstricken bewahrt durch die Einschränkung auf jene Formen persönlicher Freiheit, die sich im sozialen Leben betätigen und durch verfassungsmäßige Grundsätze umschrieben werden können. Und wir haben noch das besondere Glück, aus der Geburtsstunde des Liberalismus eine Definition der persönlichen Freiheit zu besitzen, die besser, umfassender, tiefer und klarer ist als in den meisten wortreichen Formulierungen der modernen Verfassungen. In den Artikeln 4 und 5 der Erklärung der Menschenrechte von 1789 heißt es:

„Die Freiheit besteht hauptsächlich darin, alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet. Die Ausübung der Naturrechte eines jeden Individuums hat daher keine anderen Grenzen als jene, die anderen Gliedern der Gesellschaft die Ausübung der gleichen Rechte gewährleisten. Diese Grenzen können nur durch das Gesetz festgelegt werden. Das Gesetz hat nur das Recht, die der Gesellschaft schädlichen Handlungen zu verbieten. Alles, was durch Gesetz nicht verboten ist, darf nicht verhindert werden, und niemand kann gezwungen werden, etwas zu tun, was es nicht vorschreibt.“

Die Freiheit besitzt also eine natürliche und notwendige Einschränkung durch die Forderung ihrer Allgemeinheit. Die unbeschränkte Freiheit einzelner, einer Minderheit oder auch einer Mehrheit bedeutet in Wahrheit Herrschaft, nämlich Unterdrückung und Knechtung der übrigen. Die Freiheit jedes einzelnen kann genau so weit gehen, daß dem Nebenmenschen das gleiche Ausmaß an Freiheit gesichert ist.

Insofern es sich um die Freiheit des Einzelmenschen, des Individuums handelt, gehen Liberalismus und Individualismus Hand in Hand. Aber die aufgezeigte natürliche Beschränkung der Freiheit bedeutet einen grundsätzlichen Einwand gegen den Individualismus. Der Mensch ist nicht nur Individuum, d. h. ein für sich bestehendes Einzelwesen, sondern er ist auch und ebensosehr, wie schon der griechische Philosoph Aristoteles definierte, ein Gemeinschaftswesen. Er ist nicht völlig unabhängig und selbstgenügsam, sondern er ist grundsätzlich ergänzungsbedürftig; er ist beständig auf die Hilfe seiner Mitmenschen und auf die Zusammenarbeit mit ihnen angewiesen, wie dies in der modernen Zivilisation, Technik und arbeitsteiligen Wirtschaft besonders sinnfällig zum Ausdruck kommt. Das Individuum ist nicht vor dem gesellschaftlichen Zusammenschluß da, wie die Utopie eines Gesellschaftsvertrages nach Rousseau behauptet, und ebenso wenig die Gesellschaft vor dem Individuum, sondern beide können nur gleichzeitig mit einander und durch einander existieren. Individuum und Gemeinschaft sind nicht Gegensätze, sondern sie sind zwei Pole im Doppelsinn der polaren Spannung und der polaren Ergänzung. Wird in einem Magneten der eine Pol beseitigt, so verschwindet notwendig im selben Augenblick auch der andere. Wird das Gleichgewicht im polaren Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft gestört, indem einer der beiden Pole zu Gunsten des anderen zurückgesetzt und geschmälert wird, so ist dies für beide gleich verhängnisvoll.

Es ist eine gefährliche These, daß Gemeinnutz vor Eigennutz gehe – eine These, die immer wieder im Dienst einer herrschenden Minderheit, eines machtpolitischen Apparates oder eines bürokratischen Mechanismus auf Kosten des Wohlergehens aller einzelnen missbraucht wurde. Worin soll das Gedeihen der Gemeinschaft bestehen, wenn nicht im Gedeihen aller einzelnen? Eine richtige Gemeinschaft und eine richtige Sozialordnung muß so gebaut sein, daß der berechtigte wohlverstandene Eigennutz des einzelnen der stärkste Motor und die beste Sicherung des Gemeinwohles ist. Die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Ordnungen sind vom Menschen und für den Menschen geschaffen; sie haben dem Menschen und seinem Zusammenleben zu dienen. Die Ordnungen sind für den Menschen da, nicht der Mensch für die Ordnungen.

Damit kommen wir zum Begriff der Ordnung. Ihr entscheidendes Merkmal ist die Stabilität. Wenn eine „Ordnung“ wirklich diesen Namen verdienen soll, so muß sie bestehen und dauern, also stabil sein. Das hat zur Voraussetzung, daß sie möglichst frei ist von Spannungen; also dass sie möglichst gerecht ist und mit einem Mindestmaß von Zwang, mit einem Höchstmaß von Freiheit bestehen kann. Es muß eine „natürliche“ oder „dynamische“ Ordnung sein, in der das freie Spiel der Kräfte beständig von selbst zum Ausgleich jeder Störung und zur Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes führt. Das Gegenstück ist die „künstliche“ oder „statische“ Ordnung, die unter erzwungenen und erstarrten Formen die lebendigen Kräfte unterdrückt und vergewaltigt, so daß diese entweder in illegalen unterirdischen Formen nach einem Ausgleich drängen – ich erinnere nur an den Schwarzen Markt! – oder aber unter der Decke sich heimlich aufstauen und steigern, bis es zur Explosion und zur gewaltsamen Änderung der erzwungenen Ordnung kommt.

Diese Forderungen gelten für jede Ordnung schlechthin und im allgemeinen Sinn des Wortes; ganz besonders aber, wenn sie den Anspruch erhebt, eine Sozialordnung zu sein. Damit stoßen wir auf einen weiteren Begriff, der als Gegenstück zum Begriff des Liberalismus ebenso grundlegend und entscheidend für unser Problem ist, aber auch ebenso schwierig, umstritten und vieldeutig schillernd: den Begriff des Sozialismus. Wir wollen ihn seinem Wesen nach durch die Forderung der sozialen Gerechtigkeit charakterisieren, nicht nach seiner historischen Entwicklung durch irgendwelche äußerlichen Kennzeichen oder rein technischen Maßnahmen wie z. B. die Sozialisierung der Produktionsmittel; denn hierbei handelt es sich ja doch nur um Mittel zum Zweck, die entbehrlich werden, sobald bessere Mittel für die Erreichung des gleichen Zieles gefunden werden.

Soziale Gerechtigkeit! Gerechtigkeit heißt nach dem bekannten Grundsatz der alten Römer: „Jedem das Seine!“ – nicht aber: „Jedem das Gleiche!“ Der richtig verstandene Sozialismus geht deshalb völlig parallel mit dem richtig verstandenen Liberalismus in der Forderung, daß jeder jene Lebensstellung und jenen Lebensstandard erreichen und erhalten soll, wie er es nach Neigung, Eignung und Leistung verdient. Nicht gleiche Lebens- und Arbeitsweise, gleicher Lebensstandard für alle, sondern gleiche Voraussetzungen, gleicher Start für alle heißt die Forderung. Die Verschiedenheit der Menschen nach Neigung, Eignung und Leistung ist eine Tatsache, die nicht wegdisputiert und die nur durch Zwang unterdrückt oder verdeckt werden kann. Eine Sozialordnung ist nur dann natürlich und dynamisch im vorhin genannten Sinn, also auch nur dann gerecht und stabil, wenn sie dieser natürlichen Ungleichheit der Menschen Rechnung trägt. Und sie ist dann statisch, ungerecht und instabil, wenn sie stattdessen eine künstliche Gleichheit der Menschen erzwingen will; ebensosehr aber auch dann, wenn sie statt der natürlichen eine künstliche Ungleichheit der Menschen schafft und durch Zwang aufrecht erhält, gleichgültig, ob es sich um die künstliche Ungleichheit von Standesvorrechten, politischer Macht, Wirtschaftsmonopolen oder Kapitalmacht handelt.

Unsere Überlegungen haben uns gezeigt, daß der historisch gewordene Gegensatz zwischen Liberalismus und Sozialismus keine innere Notwendigkeit besitzt. Freilich nur dann, wenn wir auf den ursprünglichen, unverfälschten und unverzerrten Gehalt dieser beiden Begriffe zurückgehen: reiner Liberalismus ohne kapitalistische Entartung, ohne Monopolbesitz und Ausbeutung – reiner Sozialismus ohne überspitzte Planwirtschaft, ohne staatlichen und kollektivistischen Zwang. Nur eine sozial gerechte Ordnung kann stabil und damit freiheitlich sein; jede künstlich erzwungene Ordnung aber führt durch Erstarrung und durch Unterdrückung der lebendigen Kräfte des Ausgleiches notwendig zu neuen Ungerechtigkeiten. So verstanden sind persönliche Freiheit und soziale Gerechtigkeit zwei Forderungen, die sich nicht widersprechen und gegenseitig einschränken, sondern gegenseitig bedingen und stützen.

Freilich, unsere letzten Überlegungen bewegten sich frei im Raume der Gedanken, der Begriffe und Vorstellungen, nicht in jener realen Welt, wo hart im Raume sich die Dinge stoßen. Die Geschichte des Liberalismus und des Sozialismus, die gegenwärtige politische und soziale Ordnung, scheint unsere Gedanken Lügen zu strafen. Aber das ist Schein! Der historische Liberalismus hat versagt – nicht als Liberalismus, sondern in seiner verhängnisvollen Verquickung mit dem Kapitalismus. Er hat versagt – nicht weil er zuviel, sondern weil er zu wenig Freiheit verwirklichte. Hier liegt der folgenschwere Trugschluss der sozialistischen Gegenströmung. Die liberalistische Wirtschaft war in Wahrheit keine freie, sondern eine vermachtete Wirtschaft, vermachtet durch Monopolbildung, kapitalistische Machtballungen, durch Konzerne und Trusts, die das Wirtschaftsleben über Preise, Zinsen und Löhne nach ihren eigenen Interessen bestimmten. Wo durch Monopole und Oligopole, durch Konzerne und Trusts der freie Wettbewerb entstellt und gefälscht, die freie Konkurrenzwirtschaft unterbunden und zerstört wird, da fehlt die elementare Grundlage eines liberalistischen Systems im ursprünglichen, klaren und eindeutigen Sinn dieses Wortes.

Der Sozialismus ersetzt die private Vermachtung durch die staatliche Vermachtung der Wirtschaft mit dem Ergebnis, daß die soziale Gerechtigkeit keinesfalls erhöht, aber die automatische und rationelle Funktionstüchtigkeit der Wirtschaft entscheidend geschwächt wird. Der historische Weg, die unerwünschten sozialen Auswirkungen einer fehlerhaften Wirtschaftsordnung durch politische Maßnahmen und staatliche Eingriffe zu beseitigen, musste notwendig scheitern. Eine brauchbare Sozialordnung kann nicht mit bürokratischen Mitteln erzwungen werden, sondern nur aus einer richtig funktionierenden Wirtschaftsordnung erwachsen. Nur eine natürliche, dynamische Gesellschaftsordnung auf der gesicherten Basis einer natürlichen, dynamischen Wirtschaftsordnung ist stabil und kann ohne großen Aufwand an bürokratischen Mitteln und gesetzlichen Regelungen nachträglich noch politisch-rechtlich gesichert werden, soweit dies überhaupt noch erforderlich ist.

Nun bleibt noch eine Frage offen – freilich die entscheidende Frage, mit der alles bisher Gesagte steht und fällt: die Frage nach der Existenz oder wenigstens nach der Möglichkeit der hier geforderten natürlichen oder dynamischen Wirtschaftsordnung. Leider geht die Beantwortung dieser Frage weit über den Rahmen meines Vortrages hinaus und würde nicht nur einen eigenen, sondern noch eine Vielzahl eigener Vorträge erfordern, nämlich die zusammenfassende Darstellung und Begründung des gesamten Ideengutes und Erkenntnissystems der Freiwirtschaftslehre, Stattdessen muß ich mich hier damit begnügen, diese Wirtschaftsordnung mit ein paar Schlagworten zu charakterisieren, also mit vorerst unbewiesenen Behauptungen für jeden, der das von uns gebotene Beweismaterial noch nicht kennt.

Die wahrhaft freie Wirtschaft, charakterisiert durch den unverfälscht freien Wettbewerb und die uneingeschränkte Konkurrenz, kann nur durch Überwindung der Monopole verwirklicht werden. Die Monopole beruhen einerseits auf dem künstlichen, d. h. dem geschaffenen Kapital, nämlich den Produktionsmitteln und dem Geldkapital; andererseits auf dem natürlichen, also angeeigneten Kapital, nämlich dem Grund und Boden und allen Bodenschätzen. Das erstgenannte Kapital-Monopol wird nicht gebrochen durch „Sozialisierung der Produktionsmittel“, sondern durch Überwindung der Kapitalknappheit auf dem Wege einer ungestörten und ungehemmten Vermehrung des künstlichen Kapitals, wie sie in jeder Konjunkturperiode so hoffnungsvoll eingeleitet wird. Die regelmäßig sich wiederholenden Störungen dieser Entwicklung durch einseitige Einkommensverteilung, durch die Zinsinteressen und durch die aus beiden Ursachen resultierende Absatzkrise sind letzten Endes in einer Struktureigentümlichkeit unseres Geldwesens begründet und können durch eine geeignete Reform desselben überwunden werden. Das zweitgenannte Kapital-Monopol beruht auf der nicht zu beseitigenden Knappheit des natürlichen Kapitals und kann nur durch eine geeignete Bodenrechtsreform gebrochen werden, die dem Wesen der „Sozialisierung“ nahe kommt. Geld- und Bodenmonopol sind die beiden entscheidenden Monopole, die dem privaten Machtzugriff entzogen und der Kontrolle der Allgemeinheit unterstellt werden müssen. Die Verwaltung der Währung und die Überwachung des sozialen Bodenrechtes sind die einzigen Staatsmonopole, die aber nach Durchführung der freiwirtschaftlichen Reformen nicht mehr eine Machtstellung des Staates begründen, sondern lediglich eine genau umrissene Funktionsausübung bedingen. Das Ergebnis ist eine ausbeutungs- und hemmungsfreie, daher auch krisenfeste Vollbetriebswirtschaft, in der auch künstliche Zusammenschlüsse wie Kartelle und Trusts sich unter dem wachsenden Druck der Konkurrenz nicht zu halten vermögen. Diese wahrhaft freie Wirtschaft ist zugleich die einzig denkbare sozial gerechte Wirtschaft, da sie nach Beseitigung aller Formen des arbeitslosen Einkommens die soziale Grundforderung des vollen Arbeitsertrages verwirklicht und den Lebensstandard des einzelnen in einem unverfälschten und unverzerrten freien Wettbewerb nur nach der Leistung bestimmt.

Die hier mit wenigen Strichen charakterisierte Natürliche Wirtschaftsordnung ist die notwendige, aber auch zureichende Grundlage für den Aufbau einer Sozialordnung, die freiheitlich und zugleich gerecht ist. Nur auf einem wirtschaftlich gesicherten Fundament können sich auch die höheren Bereiche des sozialen Lebens erheben bis zu den Höhen des geistigen und kulturellen Lebens, das ja in besonders entscheidendem Ausmaß die Atmosphäre der geistigen Freiheit, das freie Spiel der Kräfte im freien Wettbewerb benötigt. Und nur auf dem festen Fundament der wirtschaftlichen Freiheit ist die geistige Freiheit, die Meinungs-, Glaubens-, Forschungs-, Lehr- und Pressefreiheit gesichert. Der Staat aber hat sich jeder Übergriffe in das geistige und kulturelle Leben ebenso zu enthalten wie in das eigentliche Wirtschaftsgeschehen. Die Domäne des Staates ist einzig und allein die Rechtsordnung, in die auch die beiden grundlegenden Rechtsnormen des wirtschaftlichen Lebens, nämlich Währungsverwaltung und Bodenrecht gehören.

So ist für uns Verfechter der Freiwirtschaftslehre die natürliche Ordnung der Wirtschaft nicht nur Selbstzweck, sondern vor allem Fundament für eine natürliche Ordnung der Gesellschaft und der Kultur durch Erfüllung der beiden Forderungen: persönliche Freiheit und soziale Gerechtigkeit.

Dr. Ernst Winkler (aus Magna Charta der Sozialen Marktwirtschaft, 1951)


Wer „anderer Meinung“ ist, sollte sich schnellstens in Behandlung begeben:



Stefan Wehmeier, 18. August 2012


Dienstag, 7. August 2012

Behandlung eines Privatpatienten


    Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: keine größere Macht fand Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: "gut" und "böse" ist ihr Name.
    Wahrlich, ein Ungetüm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt, wer bezwingt es mir, ihr Brüder? Sagt, wer wirft diesem Tier die Fessel über die tausend Nacken?
    Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das eine Ziel. Noch hat die Menschheit kein Ziel.
    Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch – sie selber noch? –

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra / Von tausend und einem Ziele.


Sehr geehrte "Volksvertreter",

das obige Zitat werden Sie nach dem Studium der anschließenden Patientenakte verstehen, die Ihnen zeigt, dass auch in besonders schweren Fällen von religiöser Verblendung (totale geistige Umnachtung) eine Heilung (Auferstehung) schon vor dem Jüngsten Tag (gesetzlich verbindliche Ankündigung der freiwirtschaftlichen Geld- und Bodenreform in der Bundesrepublik Deutschland) möglich ist. Das über die Maßen dämliche und penetrante Geschwätz (damit kennen Sie sich ja schon aus), das ich im eMail-Dialog um den zentralen Denkfehler (rot markiert) des Privatpatienten herum entfernt hatte, brauchen Sie nicht zu verstehen. Es soll nur verdeutlichen, welche Mühe sich der Privatpatient gemacht hat, mich von seinem Unsinn zu überzeugen, bevor er sich von mir überzeugen ließ, bzw. dazu bereit war, mich als Lehrer anzuerkennen und mit dem selbständigen Denken anzufangen.

Bis dahin sind auch Sie nur Getriebene wie dieser kleine Mann, dessen Weltverständnis über die naiven Denkschablonen von "gut" und "böse" nicht hinaus kam:  

"Die Menschen haben gelernt wie Vögel zu fliegen und wie Fische zu schwimmen, aber sie haben nie die einfache Kunst der Brüderlichkeit gelernt."

Martin Luther King (1929 - 1968) hätte jederzeit die Natural Economic Order lesen und dann gewusst haben können, was "die einfache Kunst der Brüderlichkeit" ist. Da er und sein "moderner" Leidensgenosse Barack Obama das aber versäumten, existiert noch heute und mit weiterhin exponentiell steigender Tendenz der Großteil - nicht nur - der dunkelhäutigen Bevölkerung der USA in materieller und die Gesamtbevölkerung in geistiger Armut.  

Sie dürfen sich entscheiden, ob Sie bis zum evident werden der globalen Liquiditätsfalle (Armageddon) "Volksvertreter" in der politischen Seifenoper spielen, oder in der Realität den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation, die Natürliche Wirtschaftsordnung (Globale Soziale Marktwirtschaft), als echte Volksvertreter aktiv mitgestalten wollen. 


Mit freiwirtschaftlichem Gruß

Stefan Wehmeier


Behandlung eines Privatpatienten


Der folgende Kommentar wurde von mir in Blogs (Suchbegriff: "Dummheit") platziert:

"Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. (1943)
Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden - in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch -, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht.
Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.
Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen.
…Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.
…Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen."

Bis hierhin eine erstaunlich korrekte Analyse. Hätte sich Dietrich Bonhoeffer (1906 - 1945) die Ursache der Dummheit bewusst machen können, wäre er kein Theologe mehr gewesen:




"Xxxxx Xxxx" <xxxxxxxxxx@yahoo.de> schrieb:

Hallo Herr Wehmeier,

ich bin ja gespannt, welche Strategie Sie haben, diese Erkenntnisse zu verbreiten - indem Sie Personen erklären wie dumm sie sein mögen, ja? Und? Funktioniert das? Ich habe da andere Erfahrungen gemacht. Sie können sicher sein, dass ich nicht nur darüber Kenntnis habe, was Sie in Ihrer aufgrund Ihrer esoterischen Gesamterscheinung nicht breitentauglichen Webseite vermitteln mögen - sofern es denn Ihre ist und Sie nicht (welche Ironie!) - selbst wie Herr Bonhoeffer über den Dummen zu berichten vermögen, bloß herumkopieren.

Ich wäre trotz des von Ihnen deplazierten Angriffs und meiner oben beschriebenen Retourkutsche noch für einen vernünftigen Dialog bereit! Meine Kommunikationsidee ist folgende: das Fehl-Konzept des Zinses ist fest in den Köpfen der Menschen verankert - dagegen ist nur schwer etwas zu unternehmen, wie Sie sicher auch bemerken konnten. Der Zins ist eines der Hauptwerkzeuge, die Menschen unter Druck zu halten, damit Sie nicht zu einem unabhängigerem Leben finden können. Daher bemühe ich mich zunächst auf bekannte Konzepte des unabhängigen Lebens zu referieren, und das sind passive Einkommen aus investiertem Kapital. Durch eine Begrenzung des Konsumniveaus - das unabhängig von globalen Krisen - eine Lebensqualitätverbesserung bewirkt (die Flut an Besitztümern macht krank!) reduziert sich nun das Ausmaß des Kapitals, das gespart werden müsste. Ersetzt man diesen Rest durch Eigen- bzw. Gemeinschaftsproduktion bzw. nicht-anonyme lokale Produktion und Gemeinschaft, ist man schon sehr nahe am unabhängigem Leben, das kaum noch des Geldes Bedarf, das den Menschen beschwert.

Der Verständnissprung von "Mensch wie heute normal" zu "Geld ist tückisch" ist schlicht zu steil - daher die Zwischenschritte. Wie gesagt, wenn Sie eine effizientere Methode kennen: bitte, her damit!

Im Übrigen stimme ich mit Ihrem Opium-des-Volkes Blog nicht in allem überein. 1) Es gibt sehr wohl einen Klimawandel (wenn Sie einen Garten haben sollten, werden Sie bemerkt haben, dass sich die Wettermuster in den letzten Jahren mehr und mehr verändern) 2) Eine Energiewende ist ebenso nötig. Obgleich Sie wohl kaum so aussehen sollte wie die "offizielle" Version.

In puncto Kriege bin ich aktuell nicht so pessimistisch, eher was die zersetzenden Kräfte sich auflösender, zivilisatorischer Rahmen angeht. Welches Land hätte in Europa schon die Schlagkraft für einen konventionellen Krieg - und ein generelles Interesse an atomaren Auseinandersetzungen hätten vor dem Hintergrund nachkriegerischer Zinsvorteile kaum Sinn, denn in einem verstrahlten Umfeld hätte man kaum die Möglichkeit zu wirtschaften. Jedoch zerfällt der zivilisatorische Rahmen - in Griechenland, Spanien, Italien und auch mancherorts in Deutschland greift mehr und mehr eine negative Form der Anarchie um sich. Wenn systematisch bestohlen wird, wer soll dann noch verlässlich Essen produzieren? Das ist der eigentliche Krieg, mit dem wir es zu tun haben - und nur leider sieht er nicht so aus wie eine "übliche" transnationale Auseinandersetzung.

Trotz allem mit freundlichen Grüßen
Xxxxx Xxxx



Hallo Herr Xxxx,

offensichtlich fühlen Sie sich als dummer Mensch angesprochen und reagieren auch exakt so, wie es Dietrich Bonhoeffer 1943 beschrieben hatte.


Mit freiwirtschaftlichem Gruß

Stefan Wehmeier



"Xxxxx Xxxx" <xxxxxxxxxx@gmail.com> schrieb:

Da frage ich mich dann doch, wie ich wohl hätte reagieren können, damit Sie sich gegen diesen - offenbar schon vorgefassten Eindruck - entschieden hätten. Bedauerlich, wie Worte und Vorurteile aus kognitiver Dissonanz geboren selbst bei gar nicht ganz so unähnlichen Ansichten gleich jede Grundlage des Austausches verderben.
Ist ja auch klar - wie hätten Sie auch von Ihrer Position abrücken können, ohne Ihr Selbstbild und/oder Weltbild zu gefährden.
Nicht Ihre inhaltliche Position, sondern die Möglichkeit, dann selbst nicht ganz so klug dazustehen, diktiert Ihren Ton und Ihre Antwort, was auch zur Zahl Ihrer selbst erwählten Worte passt - im Gegensatz zu den zitierten.
Leider ist das alles ganz im Widerspruch zu einer von Elite-Bewusstsein freien Perspektive und Welt, die einem Gesell wohl eher vorschwebte...

Gruß Xxxxx Xxxx



Sie reagieren schon wieder bockig. Wer ein kluger Mensch werden will (das wollen Sie offenbar nicht), muss zuerst die eigene Dummheit erkennen:

http://genughaben.de/blog/2011/11/03/wann-finanziell-unabhangig/

Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn z. B. ein fähiger Unternehmer, der außergewöhnliche Leistungen vollbringt, "ganz nebenbei" ein Vermögen anhäuft und sich dann kaum dagegen wehren kann, dass er einen Teil seines Einkommens auf Kosten der Mehrarbeit anderer erhält.
 
Wer aber als kleiner dummer Spießbürger wie Sie nichts anderes im Sinn hat, als durch geradezu perverse Sparsamkeit den möglichst größten Teil seines Einkommens auf Kosten der Mehrarbeit anderer zu erzielen (Hinweis: Zinsen wachsen nicht auf "Apfelbäumchen"), der hat es nicht mehr verdient, dass man ihn versteht. Einen solchen Bockmist kann nur ein extrem egozentrischer und mieser Charakter verfassen, der von dem, was Silvio Gesell wirklich vorschwebte, maximal weit entfernt ist:

(Vorwort zur 3. Auflage der NWO, 1918) "Wie bei allen Lebewesen, so hängt auch das Gedeihen des Menschen in erster Linie davon ab, dass die Auslese nach den Naturgesetzen sich vollzieht. Diese Gesetze aber wollen den Wettstreit. Nur auf dem Wege des Wettbewerbs, der sich überwiegend auf wirtschaftlichem Gebiete abspielt, kann es zur förderlichen Entwicklung, zur Hochzucht kommen. Wer darum die Zuchtgesetze der Natur in ihrer vollen, wundertätigen Wirksamkeit erhalten will, muss die Wirtschaftsordnung darauf anlegen, dass sich der Wettbewerb auch wirklich so abspielt, wie es die Natur will, d. h. mit der von ihr gelieferten Ausrüstung, unter gänzlicher Ausschaltung von Vorrechten. Der Erfolg des Wettstreites muss ausschließlich von angeborenen Eigenschaften bedingt sein, denn nur so wird die Ursache des Erfolgs auf die Nachkommen vererbt und zur allgemeinen Menscheneigenschaft. Nicht dem Geld, nicht verbrieften Vorrechten, sondern der Tüchtigkeit, der Kraft, der Liebe, der Weisheit der Eltern müssen die Kinder ihre Erfolge verdanken. Dann darf man hoffen, dass mit der Zeit die Menschheit von all dem Minderwertigen erlöst werden wird, mit dem die seit Jahrtausenden vom Geld und Vorrecht geleitete Fehlzucht sie belastet hat, dass die Herrschaft den Händen der Bevorrechteten entrissen und die Menschheit unter der Führung der Edelsten den schon lange unterbrochenen Aufstieg zu göttlichen Zielen wieder aufnehmen wird."

Gruß, Stefan Wehmeier



"Xxxxx Xxxx" <xxxxxxxxxx@gmail.com> schrieb:

Hallo Herr Wehmeier,
...
Der Zins stammt sogar zu einem sehr großen Teil von "Apfelbäumchen" -

Mit freundlichen Grüßen
Xxxxx Xxxx



Sehr geehrter Herr Xxxx,

verschonen Sie mich mit Ihrem über die Maßen dämlichen und penetranten Geschwätz, das ich auf Ihren zentralen Denkfehler reduziert habe, und fangen Sie erst einmal an zu denken. Die beiden folgenden Dateien sind dafür die Minimalvoraussetzung:


Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihren Restverstand noch weit überschätzt hatte; daher die bisherigen Missverständnisse.


Mit freiwirtschaftlichem Gruß

Stefan Wehmeier



"Xxxxx Xxxx" <xxxxxxxxxx@gmail.com> schrieb:

Hallo Herr Wehmeier,

vielen Dank für die Texte. Mir ist nun tatsächlich schon einiges klarer. 

Sie behalten daher in zwei Dingen recht: 1) in puncto Zinswirtschaft (ich werde Ihre Texte alle lesen und hoffe, dass Sie auf Nachfrage ggf. Literaturtipps geben!) 2) bei mir funktioniert Ihre Strategie - wenn ich aber meine, Sie hätten auch etwas sanfter sein können - ich hätte auch sonst zugehört - wäre ja nicht das erste mal. In jedem Fall werde ich nach mehr Studium meine Seite anpassen (e.g. den ein oder anderen Artikel verschwinden lassen).

Nun habe ich eine abschließende Frage: Jared Diamond schreibt in Kollaps über den Untergang verschiedener Kulturen - etwa den Osterinseln, die durch Verbrauch aller Ressourcen irgendwann untergingen - ob das nun auch an einem Zinssystem lag, lässt sich wohl nicht mehr zweifelsfrei klären - das ändert aber meine Frage nicht: Wie würde die Freiwirtschaft verhindern helfen, dass die Menschen einfach alle Energie und alle Ressourcen ohne jede Rücksicht auf Nachhaltigkeit aufbrauchen, bzw. warum ist das aus Ihrer Sicht irrelevant?

Wenn Sie mir das beantworten können, haben Sie einen Verbündeten mehr - ob Sie das nun leiden mögen oder nicht. Dazu wäre ein Text auf Ihrer Homepage sicher auch für andere interessant - denn das interessiert viele. In jedem Fall werde ich noch genauer bei Ihnen bzw. Gesell nachlesen und die Erkenntnisse dann verbreiten. 

Beste Grüße
Xxxxx Xxxx



Hallo Herr Xxxx,

es freut mich sehr, dass Sie bereit sind, mit dem selbständigen Denken anzufangen.

"...wenn ich aber meine, Sie hätten auch etwas sanfter sein können..."

Sanftheit kann sich ein Lehrer erlauben, dessen Schüler ihn bereits als solchen akzeptiert hat.

"...ich hätte auch sonst zugehört..."

Bisher haben Sie nicht zugehört und hätten bei "sanfter" Vorgehensweise aus oben genanntem Grund gar nicht erst damit angefangen.

"...über den Untergang verschiedener Kulturen..."

Lesen Sie dazu bitte das einzigartige Werk "System der politischen Ökonomie" von Dr. Gustav Ruhland: www.vergessene-buecher.de

"Wie würde die Freiwirtschaft verhindern helfen, dass die Menschen einfach alle Energie und alle Ressourcen ohne jede Rücksicht auf Nachhaltigkeit aufbrauchen, bzw. warum ist das aus Ihrer Sicht irrelevant?"

Die Verschwendung von Naturressourcen und die Unfähigkeit zu nachhaltigem Wirtschaften sind nur Symptome des Kapitalismus bzw. einer noch nicht vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Erbsünde) befreiten Marktwirtschaft (Paradies). Weil Sie - wie alle anderen - "aus dem Paradies vertrieben" wurden (aufgrund der Religion die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Marktwirtschaft und Privatkapitalismus verloren haben), extrapolieren Sie die zahlreichen negativen Symptome des Privatkapitalismus in eine wie auch immer gedachte "Zukunft" hinein, ohne die monokausale Ursache aller (noch) bestehenden Zivilisationsprobleme zu erkennen, während ich bereits seit 2007 aus der religiösen Verblendung (wieder-)auferstanden bin und deshalb die (noch) bestehende Realität aus der übergeordneten Perspektive einer bereits in Umrissen durchdachten, echten Zukunft betrachte:


Die beiden weiterführenden pdf-Dateien, auf die der Text "2012" verweist, sind die Voraussetzung, um sich in die Zukunft hineindenken zu können. Die pdf-Datei "Soziale Marktwirtschaft" beinhaltet einen Umriss der aufgrund des Wegfalls der Rentabilitätshürde des Urzinses grundsätzlich geänderten Verhältnisse zwischen Kultur und Natur. Die Energieversorgung der Menschheit ist dauerhaft gesichert, Umweltverschmutzung und -zerstörung wird es nicht mehr geben, und die Verschwendung von Naturressourcen wird schlicht unwirtschaftlich, selbst wenn wir nur die Basistechnologien berücksichtigen, die heute schon entwickelt sind.

Die pdf-Datei "Himmel auf Erden" sollte Ihnen verdeutlichen, dass man allen, die bis heute nicht wissen, was sie tun, nur vergeben kann. Denn keine Strafe könnte für sie schlimmer sein, als sich dessen bewusst zu werden, welche Verwüstungen ihre bisherigen Handlungen angerichtet haben. Also nochmal zum Mitschreiben: "Der Weisheit letzter Schluss" gibt nicht vor zu sein, sondern ist www.juengstes-gericht.net

Beste Grüße
Stefan Wehmeier


Sonntag, 29. Juli 2012

Der Zins - Mythos und Wahrheit


"Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits."

Otto Valentin ("Warum alle bisherige Politik versagen musste", 1949)

Heute muss die Politik noch immer versagen, weil kaum jemand den Zins versteht. Dass Politiker den Zins am allerwenigsten verstehen, ergibt sich aus dem Umkehrschluss: Sobald der Zins allgemein verstanden ist, wird die Politik überflüssig! Das heißt nicht, dass die Menschen überflüssig werden, sondern nur jene tatsächlich sinnfreien Tätigkeiten, die etwas "regeln" sollen, was nicht geregelt werden kann, solange es sich durch das vom Kapitalismus befreite Spiel der Marktkräfte nicht selbst regelt. Doch so weit zu denken, fällt den Politikern noch schwer, also erklären wir erst einmal den Zins.

Der Kreditzins, den Unternehmer für Investitionskredite an die Geschäftsbanken zahlen, besteht aus der Bankmarge und dem Guthabenzins, den die Geschäftsbanken an die Sparer zahlen. Die Bankmarge minus Risikoprämie (Kreditausfall-Versicherung) minus Personal- und Sachkosten ist der Gewinn der Geschäftsbanken vor Steuern, und der Guthabenzins der Sparer ist die Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins) plus Knappheitsaufschlag plus Inflationsaufschlag. Der Realzins (Sparer-Gewinn) ist der Guthabenzins minus Inflation.

Die Liquiditätsverzichtsprämie ist zeitabhängig und erreicht bei langfristigen, ca. 10-jährigen Geldanlagen den vollen Urzins von etwa 4,5%, während der Knappheitsaufschlag durch das Verhältnis von Kreditangebot und Kreditnachfrage in der Volkswirtschaft bestimmt wird. Ist nach einem Krieg (umfassende Sachkapitalzerstörung) die Kreditnachfrage zur Finanzierung neuer Sachkapitalien (Häuser, Fabriken, Schiffe, etc.) deutlich größer als das Kreditangebot, steigt der Realzins für die Sparer um eine "Belohnung für Konsumverzicht", weil in dieser Situation die Schaffung neuen Sachkapitals für die Volkswirtschaft wichtiger ist als der vorgezogene Konsum; und wenn kurz vor dem nächsten Krieg die Geldvermögen - und damit auch die (fast) spiegelbildliche Gesamtverschuldung - durch die fortlaufende Verzinsung soweit gewachsen sind, dass das Kreditangebot die Kreditnachfrage übersteigt, weil die Rentabilitätshürde des Urzinses der weiteren Vermehrung rentabler Sachkapitalien eine Grenze zieht, wird der Knappheitsaufschlag negativ und der Realzins für die Sparer vermindert sich um eine "Bestrafung für Investitionsverzicht". Dies führt zu einer Verkürzung der durchschnittlichen Anlagedauer, weil der Realzins nun unter den vollen Urzins fällt, den die Sparer mindestens fordern, um ihre Ersparnisse langfristig zu verleihen. Aus mittel- bis kurzfristig den Geschäftsbanken überlassenen Ersparnissen können diese aber umso weniger Investitionskredite vergeben, für deren verzinste Zurückzahlung die Unternehmer etwa zehn Jahre benötigen. Die Geschäftsbanken haben mit immer größer werdenden Kreditausfall- sowie Fristentransformationsrisiken zu kämpfen und verlagern ihre Geschäftstätigkeit von der Investition auf die Spekulation (ironischerweise als "investment banking" bezeichnet), um an Preisschwankungen zu profitieren, die wiederum umso größer und hektischer werden, je mehr die "Bestrafung für Investitionsverzicht" den Geldkreislauf ins Stocken bringt. Am Ende gerät die Volkswirtschaft in eine Liquiditätsfalle, d. h. der Geldkreislauf – und damit die Arbeitsteilung – bricht soweit zusammen, dass die nächste umfassende Sachkapitalzerstörung unvermeidlich wird, damit es nach dem Krieg wieder eine "Belohnung für Konsumverzicht" geben kann (wobei die Frage "Wer gegen wen?" für Kriegsberichterstatter von Bedeutung sein mag, aber nicht für die kapitalistische Ökonomie):


Um die als "Frieden" bezeichnete Zeitspanne zwischen den Kriegen zu verlängern, haben "Wirtschaftsexperten" die schleichende Inflation erfunden und "Spitzenpolitiker" bemühen sich um ein ständiges Wirtschaftswachstum. Denn solange alle Preise ständig steigen (um etwa 2% pro Jahr), gerät der Konsum noch nicht ins Stocken, und solange die quantitative Wachstumsrate nicht unter den vollen Urzins fällt (4,5% pro Jahr), gibt es noch keine Massenarbeitslosigkeit. Für "Wirtschaftsexperten" und "Spitzenpolitiker" gibt es also viel zu tun: Die "Experten" der Zentralbank müssen der arbeitenden Bevölkerung, deren Löhne der allgemeinen Preiserhöhung ständig nachlaufen (was "Gewerkschaftsexperten" beschäftigt), eine schleichende Inflation von 2% pro Jahr als "Preisstabilität" verkaufen, und die "hohe Politik" kümmert sich um den "sozialen Ausgleich", hypothetische "Klimaziele", eine versprochene "Energiewende" und eine "Bekämpfung des internationalen Terrorismus", um wenigstens den Anschein zu erwecken, dass man allgemeinem Wohlstand, einer sauberen Umwelt und dem Weltfrieden mit jedem vergangenen "Alltag" ein Stückchen näher kommt.

Um den hier nur sehr vereinfacht dargestellten Irrsinn in seiner ganzen Bandbreite zu rechtfertigen und sich selbst zu beschäftigen, haben "Wirtschaftsexperten" unterschiedliche Zinstheorien entwickelt: die Fruktifikationstheorie (A. R. J. Turgot), die Abstinenztheorie (N. W. Senior), die Agiotheorie (E. v. Böhm-Bawerk), die Ausbeutungstheorie (K. Marx), die Liquiditätstheorie (J. M. Keynes), die dynamische Zinstheorie (J. A. Schumpeter), die Grenzproduktivitätstheorie (J. B. Clark), die Loanable-Fund-Theorie (B. G. Ohlin), die Eigentumstheorie (G. Heinsohn / O. Steiger)…

Die korrekte Urzinstheorie von Silvio Gesell wird in der einschlägigen "Fachliteratur" gar nicht erst genannt, und bis auf die Liquiditätstheorie von John Maynard Keynes sind alle diese Zinstheorien, die eigentlich "Zinsentschuldigungstheorien" heißen müssten, grundlegend falsch (auf alle daraus resultierenden, sehr umfangreichen Denkfehler kann ich hier im Einzelnen nicht eingehen). Denn sie erkennen den Urzins nicht als Störfaktor, der die marktwirtschaftlichen Regelmechanismen außer Kraft setzt, sondern verwechseln und vermischen diesen heute noch volkswirtschaftlichen Hauptzinsanteil mit dem Knappheitsaufschlag, der – würde er nicht durch den "Offset" des Urzinses gestört – allein für die richtige Allokation zwischen Kreditangebot und Kreditnachfrage in der Marktwirtschaft sorgt! Beispielsweise bezeichnet die so genannte Abstinenztheorie (in echten Fachkreisen "Spießbürgertheorie") nicht den Knappheitsaufschlag, sondern die Summe aus Urzins und Knappheitsaufschlag als "Belohnung für Konsumverzicht", was dann zu der irrsinnigen Schlussfolgerung führt, dass ein Großsparer, der eine Milliarde Euro "auf der hohen Kante" hat, seinen Zinsgewinn wohl nicht auf Kosten der Mehrarbeit anderer erpresst, sondern offenbar 45 Millionen Euro pro Jahr dadurch "verdient", dass er sich seine Milliarde "vom Munde abgespart" hat. Und wenn es unserem Milliardär mit eiserner Disziplin gelingt, sich wiederum 90% seines jährlichen Zinsgewinns "vom Munde abzusparen", hat er die Verfünffachung seines Vermögens in 40 Jahren nach dieser Theorie auch noch "verdient".

Der Urzins, der allein aus der Wertaufbewahrungs(un)funktion des herkömmlichen Geldes (Zinsgeld) resultiert, macht aus der Marktwirtschaft – von einem Krieg bis zum nächsten und dazwischen mit exponentiell steigender Tendenz – eine kapitalistische Marktwirtschaft. Und weil die halbwegs zivilisierte Menschheit seit jeher ein fehlerhaftes Geld mit parasitärer – der wesentlichen Tauschfunktion widersprechenden – Wertaufbewahrungsfunktion verwendet (das heutige Papiergeld wurde gänzlich unreflektiert dem Edelmetallgeld der Antike nachgeäfft), liegt bis heute die freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus (Natürliche Wirtschaftsordnung = echte Soziale Marktwirtschaft) für die Allermeisten und insbesondere für studierte "Wirtschaftsexperten" sowie von der Masse gewählten "Spitzenpolitikern" weit außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Es werden die verrücktesten Ausreden erfunden, die letztlich alle auf der Verwechslung und Vermischung des Urzinses mit dem Knappheitsaufschlag beruhen, warum eine "zinsfreie Wirtschaft" angeblich "vollkommen unmöglich" wäre.

Unter den "etablierten" Ökonomen war allein John Maynard Keynes wenigstens so ehrlich zuzugeben, dass eine staatliche Liquiditätsgebühr auf alles Zentralbankgeld ("carrying costs") "der vernünftigste Weg sein (würde), um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden. Denn ein wenig Überlegung wird zeigen, was für gewaltige gesellschaftliche Veränderungen sich aus einem allmählichen Verschwinden eines Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum ergeben. Es würde einem Menschen immer noch freistehen, sein verdientes Einkommen anzuhäufen, mit der Absicht es zu einem späteren Zeitpunkt auszugeben. Aber seine Anhäufung würde nicht mehr wachsen."

Doch ohne diesen "vernünftigsten Weg" zu beschreiten, was Silvio Gesell bereits 45 Jahre vorher getan hatte, lässt sich Keynes in seiner "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" (1936) nur über alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten aus, wie es der politischen Seifenoper gelingen könnte, den Privatkapitalismus (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) durch eine "antizyklische staatliche Investitionspolitik" bis zum Staatsbankrott durch Überschuldung hinauszuzögern, anstatt das Elend einfach abzustellen. So können wir heute sagen: "Keynes sei Dank" gibt es uns noch, aber dafür wird der bevorstehende, endgültige Zusammenbruch der Weltwirtschaft (globale Liquiditätsfalle) umso katastrophaler werden, sollte es nicht gelingen, noch während der einsetzenden Deflationsphase die Natürliche Wirtschaftsordnung zu verwirklichen. Der folgende Text von Dr. Ernst Winkler aus dem Jahr 1952 erklärt zusammenfassend die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des "vollkommen Unmöglichen" und beseitigt die gröbsten Vorurteile:


Warum ist die Ausbeutungstheorie von Karl Marx ebenfalls als "Zinsentschuldigungstheorie" zu bezeichnen? Weil Marx den Zins gar nicht verantwortlich macht, sondern mit einem gigantischen Wortschwall, der an Unwissenschaftlichkeit und inneren Widersprüchen kaum zu überbieten ist, versucht, eine Ausbeutung der Arbeiter durch die Unternehmer aus deren Besitz an den Produktionsmitteln (Sachkapitalien) abzuleiten. Damit stellte Marx für alle, die bereit waren, an diesen Unsinn zu glauben, die Realität auf den Kopf. Die aus seinem grundlegenden Denkfehler abgeleitete Konsequenz, dass die Ausbeutung nur durch Verstaatlichung der Produktionsmittel und Planwirtschaft zu überwinden wäre, hat bis heute mehr Schaden angerichtet, als die Verwüstungen des Nationalsozialismus! Dabei ist letzterer ganz offensichtlich menschenverachtend, während viele Naive noch heute glauben, der marxistische Sozialismus sei eine "Alternative zum Kapitalismus", wobei sie Marktwirtschaft und Privatkapitalismus verwechseln und nicht wissen, warum der "real existierende Sozialismus" niemals etwas anderes sein kann als Staatskapitalismus, die schlimmste Form der Ausbeutung und das Ende jeder persönlichen Freiheit. Das folgende, etwas längere Zitat erklärt alle wesentlichen Zusammenhänge, die auch heute mit weniger Worten nicht treffender formuliert werden können:

"Aus dem offenkundigen Versagen des historischen Liberalismus erwuchs die sozialistische Bewegung mit dem Ziel, die missbrauchten Freiheitsrechte einzuschränken zugunsten der Gesamtheit und besonders zugunsten der wirtschaftlich Schwachen. Diese Zielsetzung beruht jedoch auf einem Denkfehler; denn der historische Liberalismus versagte nicht, weil er zuviel, sondern weil er zuwenig Freiheit verwirklichte. Eine "freie Wirtschaft" hat es im Liberalkapitalismus in Wahrheit nie gegeben, sondern nur eine vermachtete Wirtschaft: vermachtet durch Privatmonopole, durch den privaten Monopolbesitz von Grund und Boden und den Rohstoffen, durch das Geld- und Bodenmonopol, durch die Bildung von Syndikaten, Kartellen und Trusts. An die Stelle einer freien Konkurrenzwirtschaft trat die Herrschaft privater Wirtschaftsmächte, die durch ihre Maßnahmen weitgehend auch die Höhe von Preisen, Löhnen und Zinsen und damit das Wirtschaftsgeschehen insgesamt nach ihren Interessen bestimmen konnten.
    Die sozialistischen Bestrebungen laufen darauf hinaus, die liberalkapitalistische durch eine zentralgeleitete Wirtschaft, also die private durch eine staatliche Vermachtung und die Privatmonopole durch Staatsmonopole zu ersetzen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die vielen erbarmungslosen Wirtschaftsdiktatoren, die sich immerhin noch durch einen letzten Rest von Konkurrenz gegenseitig in ihrer Macht beschränken, durch einen einzigen, ebenso erbarmungslosen, aber völlig unbeschränkten Wirtschaftsdiktator in Gestalt des Staates abgelöst werden. Dadurch kann sich die Lage der arbeitenden Menschen nur noch hoffnungslos verschlimmern, wie mannigfache geschichtliche Erfahrungen hinlänglich bestätigen.
    Weder der Liberalismus noch der Sozialismus vermag in seiner historischen Form (Anmerkung: darüber sind wir bis heute nicht hinaus!) die soziale Frage zu lösen. Die echte Lösung in Form der Natürlichen Wirtschaftsordnung vereinigt die berechtigten Anliegen dieser beiden Bestrebungen, nämlich die soziale Gerechtigkeit mit einem Höchstmaß an persönlicher Freiheit, schließt aber ebenso den kapitalistischen Missbrauch der wirtschaftlichen Freiheit endgültig aus wie ihre Einengung durch staatlich-bürokratische Planwirtschaft. Erst sie begründet eine wahrhaft freie Wirtschaft ohne private Vorrechte und staatliche Bevormundung, eine monopolfreie und darum auch ausbeutungsfreie Vollbetriebswirtschaft, die jedem die gleiche Freiheit und die gleichen Vorbedingungen zur Entfaltung seiner Kräfte gewährleistet. Daher verträgt sich diese Freiheit nicht mit der künstlichen Ungleichheit wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Vorrechte, aber ebenso wenig mit der künstlichen Gleichheit eines erzwungenen nivellierten Lebensstandards, sondern nur mit der natürlichen Ungleichheit, wie sie sich bei gleichem Start für alle aus der natürlichen Verschiedenheit der Neigungen, Fähigkeiten und Leistungen ergibt.
    Die Natürliche Wirtschaftsordnung fördert das Wohl der Gesamtheit, indem sie dem Wohl aller einzelnen dient. Daher nimmt sie dem Gegensatz zwischen Gemeinnutz und Eigennutz jenen zuspitzenden und unversöhnlichen Charakter, der nur durch die kapitalistische Entartung der liberalistischen Wirtschaft entstand. Sie beseitigt alle Monopole, ohne an ihre Stelle staatliche zu setzen, indem sie lediglich die beiden entscheidenden Monopole, nämlich das Geld- und Bodenmonopol der Kontrolle der Allgemeinheit unterstellt. Der Arbeiter braucht in dieser Wirtschaftsordnung zur Wahrung seiner Rechte weder die Hilfe des Staates noch den Schutz gewerkschaftlicher Organisationen, weil er als gleichberechtigter Vertragspartner ebenso wie der Arbeitgeber seine Bedingungen und Forderungen stellen kann. Denn die von Rodberus und Marx geschilderte Situation, die im Kapitalismus zu einem erpressten Vertragsabschluss mit Ausbeutung des Arbeiters nach dem "ehernen Lohngesetz" führt, erfährt einen grundsätzlichen Wandel, weil die Arbeit – wenn sie schon nach Marx als "Ware" aufgefasst wird – in einer monopolfreien Vollbetriebswirtschaft zur gesuchtesten und daher umworbensten Mangelware wird. Daher steigt ihr Preis bis zum überhaupt möglichen Höchstwert, nämlich bis zur Höhe des vollen Arbeitsertrages auf Kosten der Kapitalrente in allen ihren Formen wie Zins, Dividende und Spekulationsgewinn."

Dr. Ernst Winkler (Theorie der Natürlichen Wirtschaftsordnung, 1952)

Solche erfrischenden Worte eines klar denkenden, aufgeklärten Menschen sind äußerst selten, weil sich mit wissenschaftlicher Aufklärung keine Bauernfängerei betreiben lässt. Wie nicht anders zu erwarten, ist das ausgezeichnete Werk von Ernst Winkler im einstigen Land der Dichter und Denker nur noch antiquarisch erhältlich, während mit dem gänzlich unwissenschaftlichen Geschwätz von Karl Marx der Buchhandel noch immer Umsatz macht.

Kommen wir nun zur wirklichen Ursache der Ausbeutung, dem Urzins, und warum er bis heute nicht beseitigt werden konnte, obwohl das dafür erforderliche Wissen schon seit der Erstveröffentlichung von "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" (Silvio Gesell, 1916) zur Verfügung steht. Man bedenke, dass für die Menschheit insgesamt die eingebildete Angst vor der Natürlichen Wirtschaftsordnung offensichtlich größer war (und noch ist), als die reale Angst vor allen Kriegen, die nach 1916 noch stattfinden mussten!

Mit einem hatte Karl Marx recht: Die Religion ist das "Opium des Volkes". Wer nicht weiß, was Gerechtigkeit ist, darf auch nicht wissen, was Ungerechtigkeit ist, um eine Existenz in "dieser Welt" (zivilisatorisches Mittelalter) ertragen zu können. Das war (und ist noch) der einzige Zweck der Religion. Doch der "Unglaube" ist gegenüber dieser schlimmsten aller Drogen wirkungslos, weil die eigentliche religiöse Verblendung (Programmierung des kollektiv Unbewussten) darin besteht, die Heilige Schrift NICHT zu verstehen! Unabhängig davon, ob man an den Unsinn glaubt, den die Priester darüber erzählen, oder nicht. Und für die originale Heilige Schrift (die Bibel bis Genesis_11,9 sowie ein wesentlicher Teil der Nag Hammadi Schriften) gilt: Unterschätze, solange du sie nicht verstehst, niemals ihre Weisheit.

(Lutherbibel 1984 / Genesis_3,6) Und die Frau (Finanzkapital) sah, dass von dem Baum (Geldverleih) gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht (Urzins) und aß und gab ihrem Mann (Sachkapital), der bei ihr war, auch davon und er aß.

Silvio Gesell: Die Übertragung des Urzinses auf das Sachkapital

Alle elementaren volkswirtschaftlichen Zusammenhänge, die mit genialen, archetypischen Bildern und Metaphern in Genesis_1,1-11,9 exakt umschrieben sind, wurden durch die Überdeckung mit gegenständlich-naiven Fehlinterpretationen (so genannte Exegese der Priesterschaft) über Jahrtausende aus dem Begriffsvermögen der halbwegs zivilisierten Menschheit vollständig ausgeblendet. Da es egal ist, welchen Unsinn die jeweilige Priesterschaft redet, solange die eigentliche, makroökonomische Bedeutung im Verborgenen bleibt, erfüllen die Priester noch heute ihre Aufgabe, auch wenn sie schon lange nicht mehr wissen, was sie tun (etwa seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert). Heute muss man darum nicht nur sprichwörtlich sondern tatsächlich bei Adam und Eva anfangen, um an Hochschulen indoktrinierten "Wirtschaftsexperten" oder von einer religiös verblendeten Masse gewählten "Spitzenpolitikern" die Marktwirtschaft zu erklären.

Die originale Heilige Schrift, deren ursprüngliche Verfasser die wirkliche Bedeutung der Erbsünde = Privatkapitalismus (Kapitalakkumulationen werden weitervererbt und lassen sich in "dieser Welt" über viele Generationen weiterverzinsen!) noch kannten, ist aufgebaut wie ein mathematisches Gleichungssystem mit mehreren Unbekannten, das eine eindeutige Lösung hat. Die Gleichungen sind die Gleichnisse und die Variablen sind archetypische Bilder und Metaphern. Wenn nun eine Vielzahl von Gleichnissen, insbesondere in den unverfälscht überlieferten Nag Hammadi Schriften, die bei oberflächlicher (gegenständlich-naiver) Betrachtung absolut sinnfrei sind, bei absolut sinnvoller und stringenter Substitution der verwendeten Metaphern durch moderne makroökonomische Begriffe einen vollkommenen Sinn ergibt, der die gesamte bisherige Kulturentwicklung erklärt und zudem für unsere gegenwärtige "moderne Zivilisation" von existenzieller Bedeutung ist, ist jede andere Deutung (es gibt ohnehin keine andere sinnvolle Deutung) ausgeschlossen - unabhängig davon, ob (noch) Milliarden religiös verblendeter Narren "anderer Meinung" sind.

"Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen."

Jesus von Nazareth (Nag Hammadi Library / Dialog des Erlösers)

Selbst wenn die Nag Hammadi Schriften, die den eindeutigen Beweis liefern, nie gefunden worden wären, wäre es noch immer die einzig denkbare Hypothese, dass der Prophet Jesus von Nazareth der erste Denker in der bekannten Geschichte war, der die Grundprinzipien der Natürlichen Wirtschaftsordnung erkannte, denn keine andere Erkenntnis, die bereits zu seiner Zeit möglich war, hätte ihn zur berühmtesten Persönlichkeit der Welt gemacht, auf der bis heute die planetare Zeitrechnung basiert.

Über den wahren Himmel auf Erden können wir in Anlehnung dessen, was Arthur C. Clarke im Vorwort zu "2001" schrieb, sagen: Alles bisher über das Paradies Erträumte war nur Phantasie. Die Wahrheit wird – wie stets – weit erstaunlicher sein. 



Stefan Wehmeier, 28. Juli 2012